Ledwith, Míceál und Heinemann, Klaus: Das Orb-Projekt (2008)

 

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Orbs sind meist kreisrunde transparente Gebilde, die seit einigen Jahren, gewissermaßen mit der Verbreitung der Digitalkameras, vermehrt auf Fotos entdeckt wurden. Charakteristisch dabei ist, dass sie erst bei der nachträglichen Betrachtung der Fotos am Display oder Rechner auffielen, es sich fast immer um Blitzaufnahmen handelte und der Fotograf diese Gebilde während der Aufnahme nicht im Sucher oder Display gesehen hat.

Kritische UFO-Forscher und bis auf wenige Ausnahmen eigentlich auch der Rest der mit gesundem Menschenverstand und schon geringen fotografischen Kenntnissen ausgestatten Welt sind sich sicher, dass es sich bei den Orbs um vom Kamerablitz erfasste kleine schwebende Teilchen, beispielsweise Insekten, Staub, Pollen, Wassertröpfchen u. ä., handelt, die sich zufällig im Moment der Aufnahme vor dem Objektiv der Kamera befanden. Diese kleinen Teilchen befinden sich im nahen Unschärfebereich und werden daher als aufgeblähte runde Strukturen abgebildet.

Nun gibt es aber Menschen, die glauben, darin astrale Manifestationen, die Seelen Verstorbener, außerirdische Signale, UFOs, Geister usw. zu sehen. Mittlerweile hat sich eine kleine internationale Orb-Szene gebildet, die im Internet ihren Spekulationen freien Lauf lässt.

Kürzlich erschien die deutsche Übersetzung eines 2007 in den USA erschienenen Buches, das sich mit dieser Thematik beschäftigt. Die Autoren, Míceál Ledwith ist Theologe und Klaus Heinemann Physiker, beschreiben in zwei von Ihnen getrennt verfassten Buchteilen die ihrer Meinung nach theoretischen Grundlagen zu Orbs und ihre Erfahrungen damit. Mit zahlreichen Fotos versuchen sie, ihre Argumente zu belegen.

Was mich nach der Lektüre überraschte, war, dass nicht wie erwartet der Physiker Heinemann die fotografischen Hintergründe und technischen Voraussetzungen zur Digitalfotografie umfassend beschrieb, sondern ausgerechnet der Theologe Ledwith.

Ledwith geht davon aus, »dass die Orbs und die Bereiche, aus denen sie stammen, grundsätzlich nichts mit Glauben zu tun haben, sondern ein physikalisches Phänomen sind«. Daher versucht er gewisse Gesetzmäßigkeiten zu erkennen und Bedingungen zu beschreiben, wie man »echte« Orbs von »falschen« unterscheiden kann. Das erinnert mich an die Kornkreis-Protagonisten, die ebenfalls anhand bestimmter Merkmale erkennen wollen, ob Kornkreise gefälscht oder echt sind.

Auch Ledwith ist sich zwar bewusst, dass viele Orbs ganz ohne Zweifel eine herkömmliche Ursache haben. Aber ganz bestimmte Orbs eben nicht und dabei handelt es sich dann um so genannte Orb-Wesenheiten. Naja… nicht ganz exakt. Eigentlich handelt es sich bei den Orb-Abbildungen um ionisierende Effekte, die dann entstehen, wenn das Blitzlicht auf diese Wesenheiten trifft und sie ihre Energien in die umgebende Atmosphäre abgeben. Sie werden also erst durch Fluoreszenz sichtbar.

Ledwith geht in seinem Teil recht ausführlich auf die Grundlagen der Digitalfotografie ein und versucht mit ihnen, bestimmte Eigenschaften, wie z. B. Formen, Farben und Strukturen der Orbs zu erklären. Seine Argumentation geht m. E. mächtig in die Hose, da er physikalische und optische Grundlagen mit esoterischem und spirituellem Denken verquickt. Er will anhand bestimmter Kriterien entscheiden, bei welchen Orbs es sich um echte Wesenheiten zu handeln scheint und bei welchen um angeblitzte Kleinstpartikel. Nur sind diese Kriterien keine objektiven Messwerte sondern willkürlich festgelegte subjektive Merkmale.

Völlig falsch ist seine Ansicht, dass man nur genügend Geduld und Engagement aufweisen muss, um Orbs zu fotografieren. In einer kürzlich über eine E-Mail-Liste unter Kollegen geführte Diskussion zu Orbs bin ich abends mal ganz spontan eben schnell raus, habe ein paar Fotos hinterm Haus geschossen und schon hatte ich bei dem damals herrschenden, ganz feinen, kaum merkbaren Nieselregen schöne Orbs fotografiert. Das war eine Sache von fünf Minuten.

Auch andere Argumente des Autors finde ich wenig überzeugend. So hat er festgestellt, dass, je öfter man in einer Foto-Session mit Blitz fotografiert, desto mehr Orbs sich auf den Aufnahmen zeigen. Und einige Kapitel weiter empfiehlt er sogar statt eines Blitzes ein Stroboskop zu verwenden. Also wenn das mal keine Insekten anlockt…

Nicht verwunderlich ist auch, dass auf Digitalfotos mehr Orbs erscheinen als auf Aufnahmen herkömmlicher analoger Fotoapparate. Logisch… früher hat man maximal einen Film mit 36 Fotos geschossen, heute passen Hunderte auf eine Speicherkarte, nächste Speicherkarte rein und schwupp, sind die nächsten 100 Fotos gemacht. Am PC werden die besten herausgesucht, der Rest gelöscht. Kostet im Vergleich zu den damaligen Filmen so gut wie nichts. Kein Wunder, wenn man da auf eine höhere Anzahl von Orb-Fotos stößt. Und in einem Vorwort schreibt dessen Verfasser, dass Ledwith mittlerweile über 100.000 Orb-Abbildungen hat. Ich möchte nicht wissen, wieviel Fotos er dafür tatsächlich geschossen hat. Auf jeden Fall ist die in dem Buch gezeigte Ausbeute, bzw. »Qualität der Orbs« im Verhältnis zu der hohen Anzahl an Fotos eher enttäuschend.

Die einfach mal so in den Raum gestellte Behauptung des Autors, man könne sich bei entsprechender Sorgfalt »ganz leicht« dagegen schützen, Insekten u. ä. zu fotografieren, kann ich ebenfalls nicht teilen. Das möchte ich mal sehen, wie er sich z. B. bei Außenaufnahmen gegen Insekten oder in Innenräumen gegen Staubpartikel schützt.

Ledwith stellt schließlich fest: »Wenn diese ›mechanischen‹ Erklärungen für das Orb-Phänomen verantwortlich wären, dann müsste man zu ähnlichen Resultaten kommen, wenn man aufeinander folgende Bilder unter fast identischen äußeren Bedingungen macht. Soweit ich weiß, ist dies nie gelungen.« Das Problem ist jedoch, dass der Autor seine Fotos nicht unter Laborbedingungen erstellt hat, sondern weitgehend so, wie wir alle fotografieren. Und da sind die Aufnahmebedingungen nie identisch, unter der Berücksichtigung schwebender Teilchen im Nahbereich der Kamera nicht mal fast identisch.

Klaus Heinemann, seines Zeichens Physiker, bezeichnet in seinem Buchteil die Orbs als Licht- oder Geistwesen, bzw. als so genannte Emanationen von Geistwesen. Auch er will anhand bestimmter Merkmale beweisen, dass es sich bei den Orb-Aufnahmen »um echte Bilder von Geistwesen-Emanationen handelt und nicht um belanglose optische Effekte«. Beispielsweise der »Nachweis, dass sich ein Orb mit hoher Geschwindigkeit während der Aufnahme bewegt«. Der ist dann gegeben, wenn sich ein Orb leicht versetzt doppelt zeigt. Ansatzweise zeigt sich dieser Effekt auch auf einem der fünf Fotos, die ich selbst mal auf die Schnelle gemacht hatte. Also sicherlich nicht ungewöhnlich, wenn es auf tausenden von solchen Aufnahmen gelegentlich auch »Verwischungsspuren« und bei leichten Bewegungen der Kamera »Doppelabbildungen« zu finden sind.

Und wenn man dann noch liest, dass sich die Orbs, die er während zweier, ein Jahr auseinander liegenden, Schulaufführungen seiner Tochter fotografierte, unterscheiden und er daraus schließt, dass dies »ein Hinweis
dafür sein kann, dass die Geistwesen, die sich dieses Mal zu erkennen gaben, nicht die gleichen sind, die vor einem Jahr anwesend waren«, dann wird sich der Autor sicherlich eh keinen rationalen Argumenten mehr stellen.

Geradezu grotesk wird es, wenn er beispielsweise vermutet, dass es sich bei den Orbs, die er während einer »Geistheilung« fotografierte, um hoch entwickelte Geistwesen handeln könnte, »passend zur hoch entwickelten Natur des Geistheilens«. Seine Vermutung wird dann auch noch von einer »hellsichtigen Beraterin« bestätigt, die drei Orbs sogar als »speziell entwickelte Geistwesen identifizieren konnte«.

Heinemann kennt die Argumente der Skeptiker. Er spricht ihnen jedoch ein »gutes Urteilsvermögen« ab, »um echt und falsch unterscheiden zu können«. Ich spreche ihm dagegen den gesunden Menschenverstand ab und frage mich wirklich, wie ein Physiker zu einem solchen Unsinn kommen kann.

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Die Physikerin Katherine Creath und der Psychologe Gary E. Schwartz von der Universität Arizona haben 2005 in einer Studie das Phänomen der Orbs mal genauer unter die Lupe genommen. Sie kamen zu dem Schluss, dass sich auf den rund 1000 vorgelegten und selbst erstellten Fotos alle Orbs auf Reflexionen zurückführen lassen. (Quelle: Gary E. Schwartz & Katherine Creath (2005): Anomalous Orbic »Spirit« Photographs? A Conventional Optical Explanation, in: Journal of Scientific Exploration, Vol. 19, No. 3, pp. 343-258.)

Die Betreiber der Seite www.lichtkugel.de waren einst dermaßen von den Orbs fasziniert, dass sie »die einfachsten Lösungen am Anfang zumindest nicht sahen und deshalb eher im Dunklen herum tappten«. Die eigenen Experimente und weitere Beschäftigung mit dem Thema waren dann ernüchternd.

Sie schreiben heute auf ihrer Seite: »Ich für meinen Teil finde es erstaunlich, wie einfach doch manchmal eines Rätsels Lösung sein kann, wenn man mal sein ›Wissen‹ beiseite lässt, und einfach nur beobachtet. Ich könnte mich ja geradezu schämen, über all die komplizierten Denkversuche meinerseits, einer so banalen Tatsache auf die Schliche zu kommen, aber ich tue es nicht. Ganz im Gegenteil! Es hat Spaß gemacht, hat den Geist auf Trab gehalten, und die Tatsache, wie leicht man sich selbst auf den Leim gehen kann, zeigt mir, dass man gar nicht genug auf der Hut sein kann, wenn es darum geht Wissen zu schaffen und vor allem dann zu glauben.«
(Quelle: http://www.lichtkugel.de/lichtkugeln-auf-fotos/lichtkugeln.html)

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In Ihrem Fazit kommen die Autoren zu dem Schluss, dass »das Argument der Skeptiker, dass alle Orb-Abbildungen durch experimentelle Unzulänglichkeiten zustande kommen«, nicht aufrecht erhalten werden kann.

Nach Lektüre des Buches ist mir als kritisch denkendem und, so hoffe ich jedenfalls, mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten UFO-Ermittler, ein Rätsel, wie man aufgrund der Orbs, die uns auch immer wieder mal als fotografierte UFOs gemeldet werden, so sehr in einen solchen Wahn, fernab jeglicher Vernunft, verfallen kann.

Und nach meiner Meinung sind hier durchaus auch Parallelen zum Kornkreis-Phänomen zu ziehen, im Rahmen dessen die Protagonisten exotischer Theorien ebenfalls anhand bestimmter Merkmale echte von gefälschten Kornkreisen unterscheiden wollen. Für mich war schon immer klar, dass es eben schlecht gemachte und gut gemachte »gefälschte«, also von Menschenhand gemachte, Kornkreise gab. Und so verhält es sich m. E. auch mit den Orb-Fotos. Es gibt eben darauf abgebildete Orbs, die sich problemlos und sofort auf angeblitzte Kleinstteilchen zurückführen lassen und welche, für die man nicht gleich eine passende Erklärung parat hat. Schon allein deshalb, weil man die Umstände einer solchen Aufnahme in der Regel nicht 100-prozentig rekonstruieren kann und wir vermutlich nicht alle Möglichkeiten, die zu bestimmten Merkmalen von Orbs führen, miteinander kombinieren und berücksichtigen können. Und es mag sicherlich auch Situationen geben, in denen sich Orbs mit analogen Kameras fotografieren lassen, oder bei Digitalkameras ohne einen Blitz zu verwenden oder bei denen ein Orb scheinbar von einem Gegenstand verdeckt wird.

In Orbs etwas anderes als Reflexionen zu sehen, ist einfach absurd und ich meine, dass es nicht unsere Aufgabe sein kann, den Orb-Befürwortern bis auf das letzte i-Tüpfelchen jedes Orb-Abbild zu erklären. Die Autoren und all die, die Orbs nicht als das betrachten, was sie sicherlich sind, sind in der Beweispflicht. Mit dem vorliegenden Buch ist ihnen das jedenfalls nicht einmal ansatzweise gelungen. Hans-Werner Peiniger

240 Seiten, broschiert, illustriert
ISBN: 978-3-442-33817-7, € 16,95

Míceál Ledwith und Klaus Heinemann:
Das Orb-Projekt

Auf der Suche nach Energiephänomenen mit Digitalfotografie

Wilhelm Goldmann Verlag
www.arkana-verlag.de
München, 2008

Quelle: JUFOF 179: 153 ff

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