Ingo Leipner und Joachim Stall: Verschwörungstheorien – eine Frage der Perspektive

Von Chemtrails, Ufos, Reptiloiden und Reichsbürgern

Verschwörungstheorien erleben derzeit einen wahren Hype. Das mag u. a. auch daran liegen, dass sie einfache Antworten auf Fragen zu unserer doch allzu kompli­zierten Welt bieten. Die Anhänger von Ver­schwörungstheorien sind nicht nur in sozi­alen Randgruppen zu finden, selbst der letzte amerikanische Präsident Donald Trump hat schon vor seiner Amtszeit Ver­schwörungstheorien verbreitet und diese während seiner Präsidentschaft gezielt ge­nutzt, um Millionen von Anhängern um sich zu scharen und die QAnon-Bewegung zu stärken.

Verschwörungsanhänger haben einen stark ausgeprägten Wunsch nach Einzigartigkeit. Sie wollen sich mit ihrem Wissen vom großen unwissenden Rest der Bevölkerung, der dummen Schafs­herde, abheben. Nur sie haben über angeb­lich geheime oder kaum bekannte Kanäle Informationen erhalten, die für sie un­durchschaubare Sachverhalte einfach erklä­ren. Mit ihrem vermeintlichen Insider- und Halbwissen bauen sie sich geschlossene Weltbilder auf, die sich jeglicher sachlicher Argumentation entziehen. Und wenn man versucht, bestimmte Verschwörungs­theorien mit echten Fakten zu erklären, wird man plötzlich selbst ein Teil der Ver­schwörung.

Kontakt zur Verschwörungsideologie habe ich fast täglich, wenn ich beispielsweise Facebook-Kommentare zu ufologischen Themen durchlese. Diese sind manchmal wirklich völlig absurd und ich hätte vor 10/20 Jahren nie gedacht, dass so viele Menschen die Inhalte von Verschwö­rungstheorien in ihre reale Wirklichkeit ein­beziehen und mit anderen Personen teilen. Problem dabei ist, dass sich die Menschen, gerade in sozialen Netzwerken wie Face­book, in sogenannten Filterblasen befinden. Der Facebook-Algorithmus entscheidet ent­sprechend ihrer Interessen und ihrem Nut­zerverhalten, welche Informationen in wel­cher Reihenfolge angezeigt werden. Dadurch werden sie nur mit personalisier­ten Informationen gefüttert, die ihr ver­schwurbeltes Weltbild bestätigen. Der Fil­terblase zu entkommen und Einfluss auf den Algorithmus zu nehmen ist äußerst schwierig.

Natürlich hat es Verschwörungen gege­ben und auch einzelne Verschwörungstheo­rien haben sich später bewahrheitet. Des­halb ist es wichtig, sich mit der Entstehung von Verschwörungs­theorien, deren Einfluss auf unsere Gesellschaft und mit den Mög­lichkeiten der Aufklärung zu beschäftigen. Und ja, auch ich stelle selbstkritisch fest, dass verschwörungstheoretisches Denken vereinzelt in meinem Alltag angelangt ist. Der Unterschied zwischen Verschwörungs­anhängern und mir ist vermutlich jedoch, dass ich alles hinterfrage und mit viel Zeit­aufwand nach gesicherten Fakten suche. Dann klärt sich doch Vieles auf. Zudem kann ich akzeptieren, dass es in unserer Welt widersprüchliche Informationen gibt, dass ich nun mal nicht alles weiß und wis­sen kann, dass es Experten gibt, die Sach­verhalte viel besser kennen als ich und dass ich Vertrauen in Autoritäten mit ihrer Kompetenz habe. Diese Erkenntnisse hat der pädagogische Leiter des IHK-Bildungs­zentrums Karlsruhe, Dr. Gregor Kern, in ei­nem Interview mit den Autoren in Fragen aufgeworfen.     

Die Autoren des vorliegenden Buches be­schäftigen sich mit bekannten und auch weniger bekannten Verschwörungstheorien, in vieler Hinsicht aber aus einer anderen Perspektive. Ingo Leipner ist Dipl.Volkswirt, Wirtschaftsjournalist und Autor kritischer Bücher zur Digitalisierung. Der Dokumentar­filmer und Autor Joachim Stall interessiert sich für verschiedene Facetten unserer Ge­sellschaft.

Sie haben mehrere Personen befragt, die der Verschwörungsszene zugeordnet werden können und beschreiben uns, wie schnell man in Verschwörungstheorien versinken kann, welchen Einfluss sie auf das Leben der Menschen haben und wie schwer es ist, aus diesem Verschwörungssumpf wieder herauszu­kommen. Es ist also kein aufklärerisches Buch, indem einzelne Verschwörungstheo­rien aufgegriffen und anhand von Fakten detailliert widerlegt werden, sondern es stehen hier die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen im Vordergrund. Die Autoren geben uns einen interessanten Einblick in deren Gedankenwelt, in deren Weltsicht und wie schnell sie mit Halbwahrheiten, Fake News und bizarren Theorien in den Verschwörungssumpf gera­ten sind. In deren Weltbilder haben neben gängigen Verschwörungstheorien auch die Platz, mit denen wir in unserer Arbeit oft­mals konfrontiert werden: Chemtrails, UFOs und Reptiloide, die die Weltherrschaft an­streben.

In ihrem Buch geben uns die Autoren eine Antwort darauf, wie wir Verschwö­rungsanhängern respektvoll begegnen können. Statt gleich satirisch zu werden und mit dem Aluhut zu winken gibt es eben auch andere Strategien.

Hans-Werner Peiniger ∗ ∗   

352 Seiten, geb., ISBN: 978-3-86881-744-7, Preis: 19,99 € (e-book 15,99 €)

REDLINE Verlag
www.redline-verlag.de
München, 2019

Quelle: JUFOF Nr. 257, 5/2021: 159 f

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