Marc E. Isenhardt: Wer hat Angst vorm grauen Mann

Der Blick ins Unbekannte: Erlebnisse, die alles infrage stellen

Ursprünglich war das Thema Abduction oder Entführungen durch UFOs (genauer ge­sagt die Entführung durch Insassen eines UFOs) ein Randthema, welches in den 1960er und 1970er Jahren hauptsächlich durch Einzelfälle bekannt wurde: das „ge­mischtrassige“ Ehepaar Betty und Barney Hill, die Angler Charles Hickson und Calvin Parker oder der Holzfäller Travis Walton. Was besonders hervorstach, war: Die Perso­nen wurden in der Regel nur einmal und zudem in abgeschiedenen Gegenden, drau­ßen und im Dunkeln entführt.

Von den späten 1970er bis in die 1990er Jahre änderte sich dies grundlegend, spä­testens durch die Forschungen und Bücher von Raymond E. Fowler (The Andreasson Affair 1979, The Andreasson Affair – Phase Two 1983), Budd Hopkins (Missing Time 1981, Intruders 1987, Witnessed 1996), Whitley Strieber (Communion 1987, Trans­formation 1988), David M. Jacobs (Secret Life 1992, The Threat 1998) und John E. Mack (Abduction 1994, Passport to the Cosmos 1999). Nun traten die Erlebnisse zunehmend auch in gewohnter Umgebung, wie dem eigenen Schlafzimmer, auf oder begannen zumindest dort. Zudem wurden die sogenannten Abductees oft schon von klein auf und zuweilen ihr ganzes Leben über in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen entführt. Und auch die Familien schienen involviert: Immer öfter zeigte sich, dass teilweise bereits Eltern oder sogar Großeltern, aber auch die Kinder der Ent­führten von dem Phänomen betroffen wa­ren, so dass sich mehrere Generationen ei­ner Familie als Abductees entpuppten.

Während das Thema in den USA sehr breit diskutiert und untersucht wurde und hier wesentliche Auseinandersetzungen (z. B. über das Für und Wider von Hypnose bei der Wiederentdeckung von verdeckten Erin­nerungen, mögliche Deckerinnerungen für Missbrauchsfälle, fehlgedeutete Ge­burtstraumata oder militärisch-geheim­dienstliche Verstrickungen in das Phäno­men) geführt wurden, wurde in Deutsch­land das Thema eher stiefmütterlich behan­delt.

Der wahrscheinlich bekannteste deutsche Forscher auf dem Gebiet war Johannes Fiebag, der mit einer ganzen Reihe von Bü­chern zu Entführungen (Die Anderen 1993, Kontakt 1994, Sternentore 1996, Von Aliens entführt 1998, Besucher aus dem Nichts 1998) Bekanntheit erlangte. Er hatte es ge­schafft, nicht nur möglichst objektiv und sachlich zu informieren, sondern mit seiner wertschätzenden und empathischen Art auch eine ganze Gruppe von Entführten aus dem deutschsprachigen Raum zusammen­zubringen und deren Geschichten zu unter­suchen und zu dokumentieren. Durch den frühen Tod Fiebags 1999 schlief die Entfüh­rungsforschung in Deutschland quasi wie­der ein.

Heute bestehen lose Kontakte von Ab­ductees auch in Deutschland, welche aber vor allem den Austausch untereinander för­dern. Empfehlen möchte ich an dieser Stelle einen Blick auf die Website: www.abduction.de

Während aus dem englischsprachigen Be­reich viele autobiografische Werke zu Ent­führungserfahrungen vorliegen, wie z.B. von Travis Walton (The Walton Experience 1978), Whitley Strieber (Communion 1987), Karla Turner (Taken 1994), Ann Andrews (Abduc­ted 1998) oder Charles Hickson (UFO Contact at Pascagoula 2017), fehlen solche Bücher aus Deutschland fast völlig.

Diese Lücke nun schließt das vorliegende Werk von Isenhardt (Pseudonym). Und des­sen Bericht hat es in sich – so greift er doch quasi sämtliche bekannten und weniger bekannten Abläufe und Muster hinter dem Abduction-Phänomen auf.

Ein hierbei zentraler, hervorzuhebender Aspekt ist, dass wir nicht über Erlebnisse aus den 1960er oder 1970er Jahren infor­miert werden: Die hier geschilderten Bege­benheiten fanden hauptsächlich zwischen 2004 und 2007 statt.

Besonders interessant ist, dass Isenhardt zeigt, wie die Begegnungen und Erfahrun­gen zunehmend komplexer werden und nach einem scheinbar langsamen Herantas­ten zwischen dem Zeugen und dem Ande­ren/ Unbekannten immer tiefgründiger wer­den.

Neben bekannten Mustern wie Bedroom Visitors und scheinbar tatsächlichen Entfüh­rungen aus den eigenen Wänden heraus in ein fremdes Objekt und/oder eine andere Realität, wird deutlich, dass die Erfahrungen auch eng mit anderen paranormalen Ereig­nissen wie Spuk- oder Poltergeistphänome­nen in Verbindung zu stehen scheinen. Dies alles macht eine Einordnung noch schwieri­ger.

Die Verbindung zwischen Täter und Op­fer, wenn man dies so plakativ einordnen würde, scheint dennoch auch fürsorglich zu sein, was eine Heilungsepisode im Buch aufzeigt (Ähnliche Fälle hatte der Forscher Preston Dennett bereits in den 1990er Jah­ren in seinem Buch „UFO Healings“ zusam­mengetragen).

Neben den reinen Berichten des Erlebten ist besonders auch die Wechselwirkung zwischen dem Phänomen und Haustieren erkenntnisreich. Und auch, wie schwer es für Betroffene ist, sich der eigenen sozialen Umgebung wie Familie, Freunden oder Part­nerInnen gegenüber zu offenbaren.

Wer hier ein Werk erwartet, welches chronologisch Erlebnis an Erlebnis reiht und sich auf diese beschränkt, wird enttäuscht werden. Neben den eigentlichen Erlebnissen treten viel mehr auch philosophische Ge­danken, Betrachtungen von Sinn und Zweck und die sich aus dem Erlebten heraus erge­bende eigene innere Entwicklung in den Fo­kus. Und dies scheint auch generell ein zentrales Thema innerhalb der Abductee-Szene zu sein. Denn unabhängig von einer nachweisbaren objektiven Entführung pas­siert auch ganz viel im Denken und der in­neren Welt der Betroffenen. Eine starke subjektive Veränderung tritt hervor und prägt die Person und auch die Teile ihrer Umgebung, welche informiert und ins Ver­trauen gezogen werden.

Das Buch schließt eine Lücke und ist möglicherweise auch ein Zeichen an andere Betroffene, eigene Erlebnisse zu veröffentli­chen. Allein dieser Mut ist beachtenswert und dem Autor hoch anzurechnen. Isen­hardt selbst beschreibt das so:

Mein Ziel ist es, Menschen, die Ähnliches erfahren haben, eine Stütze zu sein – sei es durch das Wissen, dass sie nicht allein sind, oder durch die Erkenntnisse, die ich im Laufe der Zeit gewinnen konnte.

Das Buch kann uneingeschränkt emp­fohlen werden, schon um einen Einblick in die Welt der Betroffenen zu gewinnen.

Marius Kettmann, B.A., 5/5 Sterne

156 S., pb., ISBN-13: 9783769357943, Preis: 19,95 €

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Norderstedt, 2025

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Quelle: JUFOF Nr. 282, 6/2025: 188 ff

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