Whitley Strieber: Them

Ein neuer Blick auf uns und die Besucher

Geleitwort von Mitch Horowitz, Vorwort von Jacques Vallée, Nachwort von Jeffrey J. Kripal

Vor fast 40 Jahren schrieb ich zum ersten Mal eine Buchbesprechung zu einem Titel von Whitley Strieber im Jufof – und danach noch weitere.(1) Strieber begriff Entführungen nicht, wie Jacobs oder Hopkins, als gewalt­sames Eindringen von Aliens in unsere Welt, sondern als paranormales Phänomen, von dem wir lernen und an dem wir wach­sen können. Danach habe ich das Werk Striebers jahrelang nicht mehr verfolgt, umso gespannter war ich auf das neue Buch.

Die Ambiguität bezüglich des Realitäts­status der Entführungen, die die ersten Bü­cher kennzeichnete, ist in großen Teilen verschwunden, auch wenn sie nach wie vor behauptet wird – die „Besucher“ sind real und auch UFOs sind real. Und dennoch entlässt Strieber diese Sicherheit immer wieder in die Schwebe: „Das Narrativ der Nahbegegnungen ernst zu nehmen“, schreibt er im Vorwort, „bedeutet nicht, dass man die Vorstellung akzeptiert, dass Außerirdische hier sind oder dass tatsäch­lich irgendetwas außerhalb des menschli­chen Geistes im Spiel ist.“ (S. 29) Und auf S. 33 denkt er, „während ich dies hier schreibe, über die Tatsache nach, dass ich keinen einzigen eindeutigen Beweis für die physische Existenz eines Besuchers […] vorlegen kann.“

Dann folgen, als erster Teil, rund 20 Er­lebnisse, die Leser in Briefen an Strieber schilderten, danach folgt Striebers Analyse dieser Erlebnisse.

Es sind zum größten Teil äußerst surre­ale Erfahrungen: Aliens in einer New Yorker Buchhandlung (S. 38), 10 bis 15 aufgeregte Zwerge krabbeln von einer Reklametafel Ecke Grand Central Parkway / Searington Road auf Long Island herunter (Auf Google Earth heißt der G.C. Parkway da längst Northern State Parkway), die sich als Aliens herausstellen (S. 51), ein Fall von Beses­senheit (S. 80f.), ein „mit faulem Fleisch bedecktes Skelett“, das einen Experiencer besucht (S. 92), eine Frau, die eine „sich bewegende silbrig-kristalline Masse aus Energie“ sieht (S. 101), eine sexy, grünäu­gige Frau, die sich ein paar Tage nach dem ersten Sex in eine Graue verwandelt – und dann in eine Frau zurück (S. 143ff. Strieber fragt sich hier, ob er selbst ein Alien ist), eine Frau, die einer Lichtkugel in eine Höhle unter ihrem Bett folgt, wo „viele Menschen von Skeletten […] ihrem Schicksal entgegen­geführt werden“ (S. 156), schließlich lassen Besucher vom Planeten Ranm, die lange schon auf der Erde leben und Ägypten ge­gründet haben, eine Entführte ihr Raum­schiff steuern. (S. 168) Auch ähneln die Botschaften, die die Besucher von sich ge­ben, sehr den Erzählungen der Kontaktler der 1950er Jahre. (S. 125)

Die Briefe werden nicht hinterfragt (Zu­weilen heißt es, Strieber könne für Echtheit nicht bürgen, aber das hat keine Konse­quenzen), selbst nachprüfbare Details (Eine Zeugin soll an Verstrahlung gestorben sein, S. 184) werden nicht überprüft. Das kann auch niemand sonst – alle Storys sind ohne Datum, ohne Ort, ohne Namen des Zeugen.

Striebers Analyse entwickelt aus diesen seltsamen Schilderungen und traumartigen Erlebnissen fantastische theoretische Kon­strukte (die ja nur auf der Aussage eines einzigen Zeugen beruhen), die zwar in sich logisch sind, aber doch auf wackeligen Fun­damenten stehen – mal sind die Besucher ETs (S. 55f.), mal wollen sie uns schaden (S. 60), mal sind es die Geister der Toten (S. 64), gleich darauf wieder Außerirdische (s. 65), dann erneut Geister (S. 66), Tote (S. 185), sie rauben Seelen (S. 94), sie manipu­lieren unsere Erinnerung, sie sind Begeg­nungen mit unserem „eigenen Inneren“ (S. 138) oder die Schmetterlinge, deren Raupe wir sind (S. 140) (Aliens werden wir, wenn wir gestorben und in eine andere Dimen­sion eingegangen sind). Letztendlich sind sie unser wahres Wesen (S. 172). Zur Un­termauerung dieser sich wandelnden Inter­pretationen dienen Experten wie Gurdjieff oder Schoch, der die Cheopspyramide auf 10 000 v. Chr. datiert (S. 177), sowie Julian Jaynes, also alles andere als Mainstream-Fachleute.

Dabei verliert Strieber konventionelle Er­klärungen nie aus den Augen, er verweist auf die Falschheit, Formbarkeit und Unzu­verlässigkeit von Erinnerungen, akzeptiert hypnagogische Zustände (S. 84) oder mag­netische Einflüsse auf den Temporallappen (S. 78), aber er glaubt, dass solche Erklä­rungen nicht ausreichen bzw. von den Be­suchern genutzt werden, um uns zu mani­pulieren.

Strieber hat einen messianischen Zug(2), stets sagt er uns, dass wir das Phänomen ernst nehmen müssen, schließlich geht es um unsere Zukunft: Das hat amerikanische Tradition, wo man seit dem 19. Jahrhundert Weltuntergangssekten kennt. Aber er sagte das Ganze bereits 1990, und nun sind 35 Jahre vergangen, ohne dass die Besucher umwälzende Veränderungen gebracht ha­ben.

Teil 1 bietet also ein Potpourri an Ideen und Geschichten. Die Entführungserfahrung hat sich in den letzten 45 Jahren diversifi­ziert und zerfasert. Dieses weite Spektrum deckt der erste Teil ab und stellt es dar. Dabei werden Begegnungen mit den Besu­chern zu einer religiösen und spirituellen Sache, aber, ganz gleich, wie überzeugt sich Strieber immer wieder gibt, es bleibt für mich alles im Spekulativen.

Da die Besucher vielleicht wir sind oder Totengeister oder Dämonen, ist eigentlich alles möglich: Telepathie, Levitation aus ei­gener Kraft (S. 142), Poltergeister (S. 161). Nichts Genaues weiß man nicht, Erinnerun­gen sind bruchstückhaft, auf die Aliens ist kein Verlass, der Wahrnehmungsgehalt ist unsicher – aber all das nur, gerade weil al­les real ist und die Aliens uns so fremd sind.

So finden sich zwar eindeutige Ein­schränkungen (S. 148): „Wie bei allen die­sen Geschichten kann ich nicht herausbe­kommen, wie zutreffend die Schilderung der Ereignisse durch den Zeugen ist. Es ist natürlich möglich, dass die Geschichten er­funden sind.“ Dennoch wird alles als real behandelt.

Was das breite Spektrum traumhafter und traumatischer Erfahrungen angeht, ist das Buch hier extrem ehrlich – die meisten UFO-Autoren schneiden die Erlebnisse auf ihre Lieblingstheorie zu, Strieber tut das nicht. Doch predigt er, so befürchte ich, zu den längst Bekehrten. Zweifler wie mich werden die anonymen, oft visionären Er­zählungen wohl kaum von der physischen Realität des Besucherphänomens überzeu­gen. Und doch zeigen die hier gesammelten Geschichten, welch ein vielfältiges Spekt­rum Berichte über Begegnungen mit den Anderen mittlerweile einnehmen. Alles ist möglich und alles darf geglaubt werden. Was nicht ausschließt, dass die Erzähler das, was sie schildern, so erlebt haben. Aber es verbleibt im Subjektiven.

Dem will Strieber im zweiten Teil abhel­fen, indem er die physische Realität der UFOs nachweisen will. Für mich ist es der schwächere Teil. Es geht um die physische Realität von Raumschiffen, obwohl Strieber nie deutlich macht, warum Tote, die durch Wände gehen können, solche Raumschiffe oder Dimensionsportale überhaupt benöti­gen. Ich nehme an, dass seine eigenen Er­fahrungen und der Spott darüber ihn ver­zweifelt nach physischen Belegen suchen lassen.

Wir haben zunächst die UFO-Geschichte von Arnold über Roswell, Geheimhaltung und Tic Tac, im nächsten Abschnitt dann wird belegt, dass Kontakt zu UFOs verletzen kann (Condign-Report, Havanna-Syndrom). Hier werden alle UFO-Suppen aufgekocht, die wir schon kennen – in Roswell stürzte ein UFO ab, in Trinity ebenfalls (Jacques Va­llee hat es bewiesen), es gibt Geheimhal­tung und Vertuschung.

Und dann, immer wieder, kommen Strie­ber Zweifel, weil doch alles auf Augenzeu­genberichten beruht: „Erinnerungen sind gespeicherte Wahrnehmungen, nicht ir­gendeine endgültige, absolute Realität.“ (S. 285) „Darüber hinaus können Erinnerungen durch Außeneinwirkung verändert werden.“ (S. 286)

Allerdings schließt Strieber daraus nicht auf eine subjektive Natur des Besucherphä­nomens, sondern er folgert daraus, dass diese uns manipulieren: Die Besucher „ge­ben niemals öffentlich ihre physische Prä­senz preis.“ (S. 295): Sie sorgten dafür, dass Roswell vertuscht werden musste. (S. 296) Sind es am Ende doch bloß Dämonen? (S. 299)

Für Strieber beweisen diese Vagheiten, dass der „Kontakt von ihrer Seite [Besucher] ebenso falsch angegangen [wurde] wie von unserer.“ (S. 288)

Und: „Die Tatsache, dass diese Sichtwei­sen so widersprüchlich sind [früher: Elfen, heute: UFOs], deutet entweder darauf hin, dass wir nicht über die biologische Ausrüs­tung verfügen, um festzustellen, was un­sere Wahrnehmungen tatsächlich verur­sacht, oder dass das, was da draußen ist, seit Äonen seine eigene Realität verschleiert hat.“ (S. 293)

Es folgen die Schlussfolgerungen als ei­genes, kurzes Kapitel: Die Besucher sind sowohl physisch wie psychisch, wir aber sind nur in der physischen Welt unterwegs. Sie sind viele Körper mit einem einzigen Geist, wir hingegen viele Körper mit jeweils einem Geist. Daher ist die Kommunikation schwierig, und dennoch ist unsere Begeg­nung mit den Besuchern das wichtigste Er­eignis der Geschichte. Denn wir müssen uns unbedingt treffen, damit die Menschheit ihre wahre Natur verstehen kann. So endet alles in einem großen Nichtwissen und in gegenseitigem Unverständnis.

Und doch gibt es derzeit keinen besseren oder unzensierteren Blick auf das, war Ex­periencer erfahren und berichten. Deshalb empfehle ich das Buch allen Interessierten, rate aber auch, nicht alles für bare Münze zu nehmen.

Ulrich Magin, 4/5 Sterne


(1) Jufof 5/1988, S. 149 (Communion), 2/1989, S. 58 und 3/1992, S. 85 (Transformation)
(2) „Hier ist Gewaltiges im Gange, und es ist für mich unglaublich, dass dies auf so vielen Ebenen prinzipiell geleugnet oder ignoriert wird.“ (S. 191)

335 Seiten, geb., ISBN-13:‎ 978-3989920767, Preis: 23,00 €

Kopp Verlag
www.kopp-verlag.de
Rottenburg, 2025

Hier erhältlich*

Quelle: JUFOF Nr. 282, 6/2025: 185 ff

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