Fotos, Fakten und Schaubilder

Kürzlich erschien das vorliegende Werk Die große UAP Enzyklopädie von A-Z des Autors Milan Perovic. Die Frage, die sich mir zunächst stellte, war die, ob wir überhaupt eine Print-Enzyklopädie brauchen, wo wir doch online kostenlos auf Wikipedia zugreifen können. Zudem gab es bereits in der Vergangenheit umfangreiche Print-Enzyklopädien. Ich erinnere hier nur an das Standardwerk von Margaret Sachs „The UFO Encyclopedia“[1], an „The Encyclopedia of UFOs“ von Ronald D. Story (Hrsg.)[2] und an das zweibändige, über 1100 Seiten starke Mammutwerk „The UFO Encyclopedia“ von Jerome Clark[3].
Ja, brauchen wir… Zum einen, weil die bisherigen englischsprachigen Werke einen jahrzehntealten Stand widerspiegeln und zum anderen, weil die neue Print-Enzyklopädie zum UFO- und UAP-Phänomen eine sorgfältig zusammengestellte Sammlung informativen Fachwissens präsentiert, die über das dynamische, aber oft instabile und fragmentierte Online-Wiki-Wissen hinausreicht. Es handelt sich somit um ein umfangreiches Nachschlagewerk, das den aktuellen UAP-/UFO-Diskurs breit einfängt und sich vor allem an Leser richtet, die in der derzeitigen „Disclosure“-Debatte einen kompakten Überblick suchen.
Perovic legt gut 500 Seiten vor, in denen er Begriffe, Akteure, Fälle und Dokumente der modernen UAP-Diskussion alphabetisch ordnet und damit bewusst an klassische Enzyklopädien anknüpft. Zwischen die Stichworte mischt er Fotos, Schaubilder und kurze Fallskizzen, so dass das Buch klar als Arbeits- und Orientierungshilfe gedacht ist.
Der Autor kommt ursprünglich aus dem Finanzwesen und ist erst in den letzten Jahren in die UAP-Szene eingestiegen. Diese Außenseiterposition merkt man dem Buch an: Es ist sichtbar bemüht, Einsteiger an die Hand zu nehmen und die wachsende Flut an Abkürzungen, Programmen und Namen (AARO, UAPTF, Nimitz-Fall usw.) zu sortieren, ohne sich in Fachjargon zu verlieren.
Seine Stärke liegt in der Systematisierung: Perovic bringt die unübersichtliche Literatur, die diversen Regierungsdokumente, Whistleblower-Aussagen und Kongressanhörungen in eine verständliche Ordnung. Für deutschsprachige Leser, die sich in der amerikanisch dominierten Debatte zurechtfinden wollen, ist diese Bündelung ausgesprochen hilfreich.
Perovic betont zwar, dass er das Thema ernst nimmt, gleichzeitig vermeidet er die typischen Gewissheiten, die sonst in diesem Feld schnell bemüht werden. Das Buch tritt nicht als „Beweisführung“ für ein bestimmtes Szenario auf, sondern eher als Kartierung eines Diskussionsfelds, das sich noch immer in Bewegung befindet – und das rechne ich ihm hoch an.
Das Werk bündelt sowohl historische als auch aktuelle Forschungsergebnisse, dokumentiert zentrale Entwicklungen der aktuellen UAP-Forschung und bietet Einblicke in kontroverse Sichtungen, Regierungsberichte und bedeutende Fallstudien.
Die einzelnen lexikarisch sortierten Themen werden vom Autor zunächst definiert, anschließend beschrieben und dann von ihm eingeordnet. Dabei hat er über 1400 Quellen verwendet, die alle genannt werden und bei Bedarf zu weiteren Recherchen einladen. Erfreulich, dass sich nur wenige Quellen auf Wikipedia-Beiträge beziehen, ganz im Gegensatz zu anderen Werken, die offenbar ausschließlich aus Wikipedia-Beiträgen zusammengeschustert wurden.
Trotz der Mühe bleibt eine grundsätzliche Schwäche bestehen: Das Werk ist zwangsläufig auf sekundäre Quellen, Insider-Behauptungen und politische Narrative angewiesen, die selbst nur teilweise überprüfbar sind. Eine Enzyklopädie kann sortieren, aber nicht die wissenschaftliche Belastbarkeit jeder Quelle klären. Wer das Buch liest, muss also weiterhin unterscheiden zwischen belegbaren Daten, plausiblen Hypothesen und reiner Spekulation. Das gelingt nicht allen Lesern automatisch.
Ein weiterer Punkt: Das Buch wird schnell altern. Die institutionelle Landschaft (AARO-Berichte, neue Anhörungen, behördliche Zuständigkeiten) ändert sich derzeit im Jahres-, wenn nicht gar Monatstakt. Das zeigt sich etwa am Beitrag zu Luis Elizondo, der übrigens unter dem Abschnitt „L“ und nicht unter „E“ zu finden ist (Sortierung nach Vornamen). Von dessen Fauxpas erfährt der Leser nichts. Man sollte Perovics Enzyklopädie daher als Momentaufnahme verstehen, nicht als endgültige Referenz.
Ich persönlich hätte mir eine kritischere Einordnung mancher Fakten gewünscht. Das mag daran liegen, dass Milan Perovic kein langjähriger Kenner der Diskussion und Faktenlage zum UFO-Phänomen ist und das Thema eher von außen betrachtet. Immerhin weist er auf kritische Punkte hin, wenn er in seinen Recherchen darauf stößt. So erwähnt er zu den Greifswald-Lichtern die von Illobrand von Ludwiger abweichende Einschätzung der Kollegen Dennis Kirstein und Jochen Ickinger von ufo-information.de, die diese Erscheinungen auf an Fallschirmen hängende Leuchtmittel zurückführen, die als militärische Ziele abgeworfen wurden. Auch Perovic hält diese Erklärung für plausibel.
Im deutschsprachigen Raum schließt Perovic tatsächlich eine bislang bestehende Lücke. Zwar liegt eine Vielzahl populärer UFO-Literatur vor, doch existiert kaum ein Werk, das die politischen und administrativen Entwicklungen der jüngeren UAP-Debatte in systematischer und lexikalischer Form aufbereitet. Das Buch bewegt sich damit im Spannungsfeld zwischen populärer Darstellung und dokumentarischer Übersicht und erweist sich als nützliches Referenzwerk, sofern parallel Primärquellen sowie kritischere Fachliteratur konsultiert werden.
Während digitale Plattformen wie Wikipedia durch hohe Aktualität, Offenheit und kontinuierliche Erweiterbarkeit überzeugen, bietet die gedruckte Fassung methodische Präzision, dauerhafte Stabilität und inhaltliche Integrität. Diese Merkmale sind für eine wissens chaftlich tragfähige Auseinandersetzung mit einem komplexen Forschungsfeld von zentraler Bedeutung.
Perovics Die große UAP Enzyklopädie ermöglicht unabhängig von digitaler Infrastruktur oder nachträglichen Bearbeitungen eine konzentrierte und unbeeinflusste Lektüre sowie einen langfristig gesicherten Zugriff auf verlässliche Informationen. Sie bewahrt nicht nur Wissen, sondern eröffnet zugleich neue Perspektiven und fördert eine nachhaltige, differenzierte und interdisziplinär anschlussfähige Beschäftigung mit dem Phänomen der UFOs/UAPs.
Hans-Werner Peiniger, 4/5 Sterne
[1] 408 Seiten, ill., Perigee Books, New York, 1980: https://amzn.to/3M8OP8U
[2] 440 Seiten, ill., New English Library, London, 1980: https://amzn.to/48fhWQN
[3] 1178 Seiten, ill., Omnigraphics, Inc., Detroid, 1998: https://amzn.to/48CH2sO und https://amzn.to/49DiiBH
534 S., pb, ill., ISBN-13: 979-8286827725, Preis: 28,00 €
Independently published
2025
Quelle: JUFOF Nr. 282, 6/2025: 190 ff
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